Reiseführer Utopia

Das Wort davor

Wenn man nach Utopia reisen möchte und das auch erzählt, wird man meist nur mit einem mitleidigen, kopfschüttelnden Lächeln bedacht. Die Leute haben keine Ahnung.

Für sie ist Utopia eine abstrakte Traumwelt, nicht zu erreichen, nur in einzelnen Bildsequenzen zu sehen, wie eine Diashow oder ein sehr, sehr kurzer Kurzfilm.

Und bislang ist keiner von denen auf die Idee gekommen, dass es Utopia wirklich gibt!

In Wirklichkeit nämlich ist es eines der gefragtesten Urlaubsländer, und nicht gerade billig. Die Preise dort sind geradezu monumental utopisch. Aber davon später noch genug. Und wen kümmert das schon. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Die Geschichte von Utopia beginnt bekannterweise bereits im 16. Jahrhundert und zwar im britischen Königreich. Nicht überraschend, wie ich meine, denn wir haben schon bei Asterix und Obelix gelernt, dass die Briten sehr findige Personen waren. Ich denke da vor allem an das Nationalgetränk, das inzwischen seinen Triumphzug um den gesamten Globus abgeschlossen hat. Wer zum Teufel kommt schon auf die verrückte Idee, heißes Wasser mit einem Tropfen Milch zu vermengen, um dann noch die von Miraculix zufällig nach Britannien gebrachte Pfefferminzpflanze hinzuzugeben, damit das Geschmacksmoment verbessert wird? Sie glauben, dass sei nur eine Anekdote zweier französischer Comicfreaks? Sie irren. So war es. Akzeptieren Sie es.

Und Utopia? Nun, das war etliche Jahrhunderte später, ca. 16, um genau zu sein. Es zeugte allerdings von der großen und althergebrachten Tradition britischer Spleens.

Der Typ, der Utopia zum ersten mal öffentlich beschrieb und damit zum Thema machen wollte, hieß Thomas More. Seine Idee war prächtig, aber die Zeit war definitiv die falsche. Ein paar Jahrhunderte später und … wer weiß?

Dieser Thomas More (engl.: mehr), oder auch Thomas Morus  (lat.: Maulbeerbaum oder Narr) war Familienvater, gläubiger Christ, Philosoph sowie Staatsmann und Politiker. Er lebte also in ständigen Widersprüchen.

Ebenso lebte er in einer widersprüchlichen Zeit. Herrscher damals war Heinrich VIII., selbst auch ein Widerspruch in sich. Im übrigen einer der wenigen englischen Frühkönige, die einen höheren Bekanntheitsgrad haben dürften als Persönlichkeiten wie Malcolm X oder der jeweilige UNO-Generalsekretär. Heinrich VIII.: „ Das war doch der mit den vielen Frauen.“ „Der hat sie alle köpfen lassen.“ „Kirchenspalter.“ „Der hatte eine nach der anderen, und jede hat er umgebracht.“

Nun, so ganz entspricht das nicht der historischen Wahrheit, aber nur solches  bleibt in unseren skandallüsternen, an der Boulevardzeitung orientierten Langzeitgedächtnissen hängen. Heinrich VIII., der große Möchtegerncasanova, der Politikpfuscher, der Glaubensabtrünnige. Wie viele Bezeichnungen gibt es für diesen Mann.

Eines steht fest: Thomas More hat er hinrichten lassen. Allerdings nicht wegen Utopia, es lagen wohl andere Gründe vor.

Nun aber zurück zum Kern des Themas: Utopia. Thomas More hat also eine Geschichte geschrieben, philosophisch, wissenschaftlich, aber auch phantastisch. In ihm fasste er seine Gedanken, Hoffnungen, Träume und Illusionen einer „besseren“ Welt zusammen. Ob man diese Thesen nun teilt oder nicht, ist völlig nebensächlich. Wichtig ist nur, dass er der erste Mensch war, der diese innere illusionäre Welt publik gemacht hat, obwohl das damals nicht ohne Risiko sein konnte. Gebracht hat ihm sein Werk nichts, weder Ruhm noch Ehre noch ein sicheres Einkommen. Damals legte man noch nicht so viel Wert auf Phantasie. Stand ja sowieso alles in der Bibel oder in königlichen Verordnungen.

Heutzutage ist es ja weit verbreitet, seinen Phantasien freien Lauf zu lassen, das ist auch in den Gesetzen verankert. Man nennt es Meinungsfreiheit. Manche Phantasien sind ganz nett, manche ergreifen, manche ekeln an, viele machen Angst. Und manche sind auch verboten. Und das ist vielleicht auch gut so, denn nicht jede Phantasie ist für die Menschheit geeignet, oder stellen Sie sich vor, das Erschaffen des perfekten Menschen sei erlaubt, die USA dürften sich die einzige Supermacht nennen und so benehmen und die Menschen würden wieder in würdig und unwürdig eingestuft. Ja, auch solche Phantasien existieren noch.

Dann gibt es aber noch die Leute, die glauben, das Träume nur Schäume sind und ein Land wie Utopia folgerichtig nur in den Köpfen bestimmter, nicht ganz zurechnungsfähiger Leute existieren kann. Weit gefehlt. Utopia lebt überall, bloß weiß keiner so genau, wie man dorthin kommt. Ich weiß es und noch einige andere. Ich lade sie ein, mit uns auf die Reise zu gehen. Der nächste Trip startet … bald!

Die Illusion eines Spannungsbogens belächelnd, Frau Nützlich.